Nein zur KVI – der Einsatz für Menschenrechte geht weiter

Fastenaktion und HEKS sind enttäuscht über das Nein der Stände zur Konzernverantwortungsinitiative (KVI). Das Volks-Ja zeigt: Für die Bevölkerung ist klar, dass Schweizer Konzerne auch im Ausland Verantwortung übernehmen müssen. Bundesrat und Wirtschaftsverbände werden nun dafür sorgen müssen, dass diesem Wunsch der Bevölkerung entsprochen wird. Das Ja der Mehrheit der Bevölkerung ermutigt die beiden Organisationen, ihre Arbeit im Bereich der Menschenrechte im globalen Süden weiterzuführen.

Als Mitinitianten der KVI sind HEKS und Fastenaktion enttäuscht über das Nein der Stände zur Initiative. Die beiden Werke sind aber überzeugt, dass sich der Einsatz für die Menschenrechte und den Schutz der Umwelt in den letzten Jahren gelohnt hat. Dies bekräftigt auch das Volks-Ja. Selten hat eine politische Kampagne so viel bewegt und zu derart intensiver Diskussion angeregt. Die breite Unterstützung von tausenden von Freiwilligen, im kirchlichen Umfeld und in der Zivilgesellschaft zeigt, was der Bevölkerung wichtig ist: eine wirtschaftliche starke Schweiz, die aber auch die Menschenrechte und den Schutz der Umwelt hochhält.

Die grosse Sensibilisierung in diesem Bereich, die in den letzten Jahren stattfand, ist klar der Konzernverantwortungsinitiative zu verdanken. Vor einigen Jahren sprachen nur wenige über Menschenrechtsverletzungen durch Schweizer Konzerne. Heute bestreitet niemand mehr, dass sich auch Unternehmen an Menschenrechte und Umweltstandards halten müssen – auch im Ausland.

Die Arbeit geht weiter

Während des Abstimmungskampfs haben der Bundesrat und die Wirtschaftsverbände immer wieder betont, dass sie das Ziel der Initiative – den Schutz der Menschenrechte und der Umwelt – voll und ganz teilen. Fastenaktion und HEKS erwarten deshalb, dass den Verlautbarungen auch Taten folgen und sich diese positiv auf die Situation für die Menschen rund um die Projekte von Schweizer Konzernen auswirken.

Das Ja der Mehrheit der Bevölkerung ist für HEKS und Fastenaktion ein Ansporn, ihre Arbeit im Bereich der Menschenrechte weiterzuführen. Die beiden Organisationen werden sich weiterhin für die Rechte der Ärmsten einsetzen, Missstände zusammen mit ihren Partnerorganisationen ansprechen und Gerechtigkeit einfordern, in der Schweiz aber auch direkt vor Ort. Denn wenn Konzerne Menschenrechte verletzen oder die Umwelt zerstören, muss dies publik gemacht werden. Profit erwirtschaften zulasten der Schwächsten der Gesellschaft darf nicht sein.

Weitere Auskünfte:

  • HEKS: Nina Burri, Verantwortliche Unternehmen und Menschenrechte, 079 489 38 24
  • Fastenaktion: Bernd Nilles, Geschäftsleiter, 079 738 97 57

Der Ständerat hat gestern einen Alibi-Gegenvorschlag verabschiedet. Damit hat sich die Konzernlobby durchgesetzt. Konzerne wie Glencore und Syngenta sollen nicht für angerichtete Schäden geradestehen müssen, sondern bloss einmal im Jahr eine Hochglanzbroschüre veröffentlichen.

Nach dem Entscheid des Ständerats wird die Schweiz wahrscheinlich nächstes Jahr über die Konzernverantwortungsinitiative abstimmen. Der von Bundesrätin Keller-Sutter kurzfristig zurechtgezimmerte Alibi-Gegenvorschlag fand im Ständerat eine Mehrheit. Diese Vorlage wird selbstverständlich nicht zu einem Rückzug der Initiative führen, da sie keinerlei verbindliche Regeln bringt.

Die Mehrheit des Ständerats stellt sich mit dem Entscheid schützend vor skrupellose Konzerne wie Syngenta und Glencore und verhindert damit, dass diese Konzerne in Zukunft für Menschenrechtsverletzungen geradestehen müssen. Der verabschiedete Alibi-Gegenvorschlag bringt keinerlei Verbesserungen, soll aber den Stimmberechtigten vorgaukeln, dass es die Konzernverantwortungsinitiative nicht mehr brauche.

Dick Marty ist überzeugt, dass die Bevölkerung dieser Trickserei nicht auf den Leim geht:

«Ich bin überzeugt, dass der Alibi-Gegenvorschlag die Stimmberechtigten nicht verunsichern wird. Denn wir alle wissen, dass gerade die skrupellosesten Konzerne noch so gerne Hochglanzbroschüren veröffentlichen. Konzerne wie Glencore werden erst anständig wirtschaften, wenn Menschenrechtsverletzungen auch Konsequenzen haben und sie dafür geradestehen müssen.»

Abstimmung nächstes Jahr

Die Abstimmung findet wahrscheinlich im Herbst/Winter 2020 statt. Der Abstimmungskampagne sieht Dick Marty gelassen entgegen:

«Die grosse Unterstützung – gerade auch aus Wirtschaftskreisen – stimmt mich optimistisch. Ich bin sehr zuversichtlich, denn unsere Initiative fordert eine Selbstverständlichkeit. Wenn Konzerne das Trinkwasser vergiften oder ganze Landstriche zerstören, sollen sie dafür geradestehen.»

Nach über zwei Jahren Beratungen in 20 Kommissionssitzungen und trotz zweimaliger klarer Zustimmung des Nationalrates hätte der Ständerat die Gelegenheit gehabt, einen breit getragenen Kompromiss zu verabschieden. Dieser hätte zu minimalen Regeln gegen die schlimmsten Menschenrechtsverletzungen durch Konzerne geführt. Die Initiant/innen hatten angekündigt, im Falle einer definitiven Verabschiedung die Initiative zurückzuziehen.

Jetzt liegt es am Nationalrat, ob er an seinem Gegenvorschlag festhalten will. Mit dem Entscheid des Ständerats ist aber eine Abstimmung sehr wahrscheinlich geworden.

Setzen Sie sich mit uns für die Menschenrechte ein

Bern / Lausanne, 7. Dezember 2018. Eine von HEKS und Fastenaktion mitfinanzierte Studie belegt: Die Arbeitsbedingungen in chinesischen Elektronikfirmen erhöhen das Suizid-Risiko der Angestellten. Einer der Gründe ist der Produktionsdruck und der erhöhte Stress vor Verkaufsspitzen wie Weihnachten. Eine Taskforce soll nun Massnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen prüfen.

«Wir geben unser Leben hin, um ein Einkommen zu erzielen.» So beschreibt eine Angestellte eines chinesischen Elektronik-Zulieferers die gesundheitsschädigenden Arbeitsbedingungen, die sie in die Verzweiflung treiben. Die Fabriken wälzen den Produktions- und Preisdruck, den sie durch die auftraggebenden globalen Firmen erfahren, auf die Menschen am Fliessband ab. Arbeitsstress – vor allem vor Verkaufsspitzen wie Weihnachten – ist denn auch ein wichtiger Grund für die hohen Selbstmordraten in chinesischen Elektronikfabriken. Dies belegt die neue Studie von Electronics Watch und Economic Rights Institute, die von Fastenaktion und HEKS mitfinanziert wurde.

2010 hatten zahlreiche Selbstmordfälle beim chinesischen Apple-Zulieferer Foxconn für Schlagzeilen gesorgt. Die neue Studie untersucht nun die Zustände in weiteren Firmen. Sie zeigt, dass die Arbeitsbedingungen in den Fabriken bei Suiziden eine massgebliche Rolle spielen. Zu den wichtigsten Faktoren zählen Stress wegen nicht gewährten Ruhezeiten und freien Tagen sowie Konflikte und Einschüchterung durch das militärisch organisierte Überwachungspersonal. Eintönige Arbeitsvorgänge ohne jegliche Änderungsperspektiven tragen zu Depressionen bei, ungenügende oder nicht ausbezahlte Löhne verschärfen den psychischen Druck.

Tipps für fairen Konsum

Untersucht wurden 167 in Internetforen publik gewordene Selbstmordfälle. Darauf folgten Umfragen in 44 Firmen und Interviews mit 252 Angestellten in vier ausgewählten Fabriken. Die Namen der Firmen werden jedoch nicht genannt, denn die Autoren der Studie haben sich mit Einverständnis von HEKS und Fastenaktion entschieden, im Interesse der Arbeitnehmenden konkret zu handeln. Sie schlagen dem einflussreichen internationalen Branchenverband Responsible Business Alliance (RBA) vor, eine gemeinsame Taskforce zu bilden, um die Missstände anzugehen und so die Arbeitsbedingungen für die betroffenen Menschen direkt zu verbessern.

Fastenaktion und HEKS setzen sich seit langem für bessere Arbeitsbedingungen im Elektroniksektor ein. «Der immer schnellere Ersatz elektronischer Geräte erhöht Produktionsdruck und Stress und damit das Suizid-Risiko für die Angestellten», sagt die Programmverantwortliche Karin Mader. Gerade in der konsumintensiven Weihnachtszeit sei es wichtig, auf diese Zusammenhänge aufmerksam zu machen. Nebst direktem Dialog und Forderungen an die IT-Firmen und -verkäufer warten HEKS und Fastenaktion deshalb auch mit konkreten Tipps auf, wie der Elektronik-Konsum fairer werden kann: Vor dem Kauf Ratings für faire Produkte konsultieren, Geräte reparieren, Secondhand kaufen etc.. Denn auch unter dem Weihnachtsbaum machen fair produzierte oder Second-Hand-Geräte genau so viel Freude wie die neusten Gadgets.

Rückfragen und Interviews:

Karin Mader, Programmverantwortliche Menschenrechte im Elektroniksektor HEKS und Fastenaktion: 079 489 38 24, mader@bfa-ppp.ch

«Wir sorgen nicht nur für Jobs. Wir sorgen für Möglichkeiten.» Dies schreibt Apple zu seinem Fortschrittsbericht 2017. Gleichzeitig werden in Zuliefer-Fabriken in China systematisch StudentInnen als rechtlose und billige Arbeitskräfte ausgebeutet.

Unsere Partnerorganisation SACOM untersucht die Situation vor Ort und veröffentlicht dazu diesen Herbst mit unserer Unterstützung einen Bericht. Wir halten Sie auf unserer Webseite auf dem Laufenden.

 

Weitere Informationen zum Thema: Menschenrechte im Elektroniksektor

Bern/Luzern, 26. Oktober 2016. – Über 5’000 Menschen haben die Petition von HEKS und Fastenaktion gegen die Verwendung von Benzol in der Computerindustrie unterschrieben – und damit die Schweizer Mobiltelefonverkäufer aufgerüttelt.

Folgendes haben wir erreicht: Swisscom und Sunrise haben schnell auf unseren Appell reagiert. Bei Salt und Mobilezone haben jedoch sämtliche Bemühungen nicht genügt, um einen Dialog bezüglich der Verwendung von Benzol einzuleiten. Eine Reaktion ihrerseits blieb bis heute aus.
Mit der Petition ist ein wichtiges Zeichen für eine benzolfreie Smartphone-Produktion gesetzt. Für dieses wertvolle Engagement möchten wir uns herzlich bedanken. Auch künftig wird HEKS und Fastenaktion den Dialog mit Swisscom und Sunrise weiterführen und sie beim Einsatz für eine benzolfreie Handyproduktion begleiten.
Wir bleiben dran und halten Sie auf dem Laufenden!
 

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Benzol ist hochgiftig und krebserregend und deshalb in verschiedenen westlichen Ländern für industrielle Zwecke verboten. Nicht so in China und in vielen anderen aufstrebenden Industriestaaten, in denen zahlreiche Produkte für unseren Alltag hergestellt werden.

Gewonnen wird Benzol aus Steinkohle und v.a. aus Erdöl. Für industrielle Zwecke wird Benzol vor allem in Farben, Leim und Reinigungsmitteln eingesetzt. Hunderttausende junge Chinesinnen und Chinesen, die in der Endfertigung von Elektronikgeräten, in der Spielzeugindustrie sowie in Schuhfabriken arbeiten, kommen so täglich mit der tödlichen Flüssigkeit in Kontakt. Und auch Konsumentinnen und Konsumenten von Plastikspielzeug, Schuhen oder Smartphones kommen damit in Berührung.

Berufsrisiko Leukämie

Benzol kann über die Atemwege und die Haut in den menschlichen Organismus gelangen. Eine Benzolkonzentration von zwei Prozent in der Atemluft ist bereits nach 5 bis 10 Minuten tödlich. Beim Kontakt über längere Zeit führen schon sehr kleine Mengen zur Schädigung des Erbguts, der inneren Organe und des Knochenmarks. Blutarmut mit Schwindel, Herzrasen, Blässe, Müdigkeit und Kopfschmerzen sind die Folge. Die Schädigung des Knochenmarks führt zu einer akuten Form von Leukämie. 

Laut offiziellen Statistiken ist Benzol in China für mehr als 60 Prozent aller berufsbedingten Krebserkrankungen verantwortlich. In der südchinesischen Industriestadt Dongguan sind gar 30 Prozent aller berufsbedingten Erkrankungen auf Benzol zurückzuführen. Und es ist davon auszugehen, dass dies nur die Spitze des Eisbergs ist, da bei weitem nicht alle Fälle behördlich registriert sind. Nach Schätzungen der chinesischen «Ban Benzene» Kampagne werden bis zu einer Million Arbeiterinnen und Arbeiter in China in den kommenden Jahren sterben, weil sie an ihrem Arbeitsplatz mit Benzol in Kontakt kamen.

In China weit verbreitet 

Dass Benzol bei längerfristigem Kontakt zu Leukämieerkrankungen führt, kam in den 1960er-Jahren ans Licht. Es häuften sich Fälle von Leukämie bei italienischen Schuhmachern, die Klebstoffe mit Benzol verwendeten. 1972 verabschiedete die Internationale Arbeitsorganisation ein Übereinkommen zum Schutz vor Benzol, das dessen Verwendung für industrielle Zwecke verbot. Bis heute haben 38 Staaten – u.a. die Schweiz, Italien, Frankreich und Deutschland – das Abkommen ratifiziert. In den USA existiert bislang kein Verbot, sondern lediglich Konzentrationslimiten.

2013 hat China die USA als grössten Benzolverbraucher weltweit abgelöst und wird laut Wirtschaftsanalysten die steigende Nachfrage massgeblich bestimmen. 

Lösung noch weit entfernt

«Gerade mal einen US-Dollar pro Smartphone würde es kosten, Benzol durch einen ungefährlicheren Stoff zu ersetzen», sagt Ted Smith von der internationalen Kampagne für verantwortungsvolle Technologie. Dennoch gibt es derzeit gibt es kein Elektronikprodukt auf dem Markt, das garantiert ohne Benzol hergestellt wurde.

Das chinesische Ministerium für Gesundheit hat das Thema Benzol-Vergiftung im Jahr 2002 nach einigen drastischen Fällen von Massenvergiftungen zwar aufgenommen. In der Praxis geschah bis heute jedoch nichts. Und auch aufseiten der Markenfirmen und der Zulieferer ist bezüglich Schutz vor giftigen Chemikalien bislang wenig passiert. «Es gibt einen konstanten Druck auf die Firmen, Kosten einzusparen; dieser Kostendruck zieht sich dann entlang der ganzen Lieferkette», sagt Kate Cacciatore, früheres Mitglied des Leitungsgremiums der Electronic Industry Citizenship Coalition (EICC), einer Vereinigung von 105 Elektronikmarken. Dank einer intensiven Sensibilisierungsarbeit und dem Druck verschiedener Nichtregierungsorganisationen, zu denen auch HEKS und Fastenaktion gehören, hat EICC 2015 eine «Chemical Taskforce» eingerichtet und gelobt, sich des Themas anzunehmen. Doch bis daraus wirksame Massnahmen entstehen, werden noch Tausende Arbeiterinnen und Arbeiter in China und weltweit an den Folgen von Benzol erkranken und sterben.

Chen Qiaqian ist 25 und hat Leukämie. Seit ihrer Erkrankung ist sie arbeitsunfähig und auf die finanzielle Hilfe ihres Umfeldes angewiesen – ausgerechnet sie, die fast ununterbrochen arbeitete, um die Familie unterstützen zu können.

«Jeden Morgen um acht Uhr begann ich zu arbeiten. Ich stand am Fliessband mit vielen anderen. Unser Job war es, Smartphone-Prozessoren mit Lösungsmitteln zu reinigen. Ich verliess das Fliessband nur, um auf die Toilette zu gehen oder kurz etwas zu essen. Der Raum, in dem wir arbeiteten, hatte weder Lüftung noch Fenster.

Der Geruch war schrecklich und es war schwierig, sich daran zu gewöhnen. Am Anfang zeigte uns ein Vorgesetzter, wie wir die Chemikalien von der grossen Flasche in die kleine Flasche füllen müssen. Und wir erhielten Handschuhe und Mundschutz aus Papier.

Dass die Chemikalien hochgiftig sind, hat uns niemand gesagt. Abends arbeitete ich meist bis elf Uhr, an sieben Tagen pro Woche. Einmal pro Monat erhielt ich einen Tag frei. Ich wollte so viel Geld wie möglich verdienen, um meine Familie zu unterstützen. Meine Eltern haben so hart gearbeitet, um meinem Bruder und mir eine Ausbildung zu ermöglichen. Ich wollte ihnen etwas zurückgeben.

Nach fünf Jahren fühlte ich mich plötzlich krank und schwach. Ich konnte kaum noch gehen. Als der Arzt Leukämie diagnostizierte, dachte ich an Selbstmord. Ich wollte nicht wieder eine Bürde sein für meine Familie. Seit ich Leukämie habe, kann ich nicht mehr arbeiten. Um Entschädigungszahlungen zu erhalten, hätte ich eine Arbeitsbestätigung der Firma gebraucht. Aber ich war zu schwach, um hinzugehen und diese einzufordern.

Meine Ersparnisse sind längst aufgebraucht. Jetzt lebe ich vom Lohn meines jüngeren Bruders und von Geld, das mir Freunde geliehen haben. Ich habe keine Ahnung, wie ich die nächste Behandlung bezahlen soll. Ich kann mich noch gut an meinen ersten Tag in Shenzhen erinnern. Ich war überwältigt von all den Lichtern der Stadt. Es war immer mein Traum, von meinem kleinen Dorf wegzukommen und etwas von der Welt zu sehen. Nun bin ich gefangen in einem Albtraum.»

Ming Kunpeng sitzt auf einem Etagenbett und starrt ins Leere. Aus seiner Nase führen zwei grüne Schläuche zu einem Sauerstoffgerät. Seit Monaten ist das enge Zimmer sein Leben. An den Wänden hängen Bilder – er selber lachend in einem Freizeitpark, er und seine Familie. Bilder aus der Vergangenheit. «Mein Sohn ist 26, das sollte eigentlich die beste Zeit seines Lebens sein», sagt sein Vater Gaosheng, während er Ming verschiedene Pillen verabreicht. 

 

«Das sollte die besten Zeit seines Lebens sein», sagt Mings Vater Gaosheng.

Bloss Papiermaske und Handschuhe

 

Mit 20 Jahren verliess Ming Kunpeng das Dorf seiner Eltern in der Provinz Hubei, um in der Elektronik-Metropole Shenzen Arbeit zu finden und seine Familie zu unterstützen. So wie über 12 Millionen chinesische Teenager jedes Jahr. Ming begann in einer Fabrik des holländischen Konzerns ASM zu arbeiten, einem weltweit führenden Zulieferer von Bestandteilen für Computerchips, Telefone und Tablets.

 

Zwei Jahre lang reinigte er Leiterplatten und verwendete dafür verschiedene Chemikalien – darunter auch Benzol, ein süsslich riechendes, besonders effizientes Lösungsmittel. Dass Benzol hochgradig krebserregend ist, wusste er zu dem Zeitpunkt nicht. Anstelle einer Hochsicherheitsausrüstung erhielt er für seine Arbeit lediglich Papiermaske und Handschuhe. Bereits nach zwei Jahren wurde bei ihm eine aggressive Form von Leukämie festgestellt.

Obwohl medizinische Untersuchung bestätigte, dass die Arbeitssituation für Mings Leukämie verantwortlich ist, stritt ASM jegliche Verantwortung ab. Erst nach über einem Jahr juristischen Kampfs bot ASM der Familie schliesslich eine einmalige Entschädigung an. Für die Deckung der bis dahin angehäuften Krankheitskosten reichte sie bei weitem nicht, geschweige denn für die Kosten der kommenden Jahre. Doch der Familie blieb keine andere Wahl, als das Angebot zu akzeptieren.

 

Ming erhielt eine Knochenmarktransplantation, wenige Monate später kollabierten seine Lungen und er wurde zum Pflegefall. Sein Vater verliess Dorf, Haus und Felder, um sich in der Stadt um seinen Sohn zu kümmern.

 

Berufsrisiko Nummer 1: Vergiftung

 

Ein paar Wochen nach dem Treffen mit Ming ist er tot. Mit einem Sprung aus dem Fenster des Spitals hat er seinem Leben ein Ende gesetzt. Er wollte keine Last mehr sein für seine Familie.

 

Ming Kunpengs Schicksal ist bei weitem kein Einzelfall. Vergiftung am Arbeitsplatz ist Berufsrisiko Nummer eins in China. In den Spitälern von Shenzhen und anderen Industriestädten sind ganze Abteilungen gefüllt mit jungen Menschen, die wegen Benzol und anderen Chemikalien am Arbeitsplatz an lebensbedrohenden Krankheiten leiden. Benzol, in vielen Ländern für industrielle Zwecke seit den 1970er Jahren verboten, ist in China nach wie vor weit verbreitet. Weil es billiger ist als sichere Alternativen. Und weil die Markenfirmen permanent Druck auf die Produktionsfirmen ausüben, die Kosten weiter zu senken.

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Die Arbeiter in der IT-Industrie in China sind nicht nur hochgiftigen Chemikalien wie Benzol ausgesetzt. Oft versuchen die Konzerne, eine Entschädigung zu verhindern und üben Druck auf die Spitäler aus, Befunde in ihrem Sinne zu verändern.

 

«Sie haben uns gesagt, wir sollen Masken und Handschuhe tragen, damit wir keine Fingerabdrücke auf den Bildschirmen hinterlassen und die Geräte nicht mit Speichel in Kontakt kommen. Von giftigen Substanzen war nie die Rede», sagt Chen Qianqian, ein Benzol-Opfer. Auch sie kämpft seit Jahren vergeblich für eine rechtmässige Entschädigung. Die Hürden dafür sind hoch und die bürokratischen Wege lang. Nur wer eine Anstellungsbestätigung der Firma hat sowie ein Attest einer staatlich zertifizierten Klinik, dass es sich um eine arbeitsbedingte Krankheit handelt, erhält von Gesetzes wegen eine Entschädigung.

 

NGO

«Globale Marken müssen Verantwortung übernehmen für das,

was in der IT-Industrie in China passiert.»

Yi Yeting, Benzol-Opfer, 28 Chemotherapien

Oft versuchen die Konzerne, diese Entschädigung zu verhindern und üben Druck auf die Spitäler aus, Befunde in ihrem Sinne zu verändern. «Wenn du Leukämie hast, heisst es dann, es sei Tuberkulose», sagt Zhai Yujuan, Professorin für Arbeitsrecht an der Universität von Shenzhen.

 

«Ich habe so viele Arbeiterinnen und Arbeiter aus der IT-Industrie kennengelernt, die an den Folgen von Benzol erkrankt sind», sagt Yi Yeting, selber ein Benzol-Opfer und Mitarbeiter einer Organisation, die sich für ein Benzol-Verbot in China einsetzt. Kein ungefährliches Vorhaben in einem Land, in dem Arbeitsrechtlerinnen und Arbeitsrechtler als Gefahr für die Wirtschaft betrachtet werden.

 

Immer wieder musste der Familienvater, der bereits 28 Chemotherapien hinter sich hat, wegen seinem Engagement den Wohnsitz wechseln. Eine Ausreise an eine internationale Konferenz in San Francisco zum Thema Benzol im Winter 2015, an der auch HEKS und Fastenaktion teilnahmen, wurde ihm verweigert. Doch es hielt ihn nicht davon ab, über Skype sein Anliegen an die Versammelten zu richten: «Globale Marken müssen Verantwortung übernehmen für das, was in der IT-Industrie in China passiert.»

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Nicht einmal ein Franken mehr würde die Herstellung eines Smartphones kosten, würde Benzol durch ein weniger giftiges Mittel ersetzt. Für die Zulieferfirmen, Markenkonzerne und Händler scheint der Preis jedoch zu hoch. Bezahlen tun dies die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Fabriken, die diesen Chemikalien schutzlos ausgeliefert sind. Ein Dokumentarfilm lässt sie zu Wort kommen.

Der Dokumentarfilm „Who Pays the Price? – The Human Cost of Electronics“ von Heather White erzählt ihre Schicksale und zeigt ihren erbitterten Kampf um Genugtuung. Der Film wurde der Fastenaktion und HEKS mitfinanziert und wird erstmals 2017 an verschiedenen Filmfestivals präsentiert. Wir zeigen Ihnen bereits jetzt einige Ausschnitte daraus.

«Keine Ventilationen, keine Fenster»: In den riesigen Produktionshallen herrschen oftmals schlimme Arbeitsbdingungen. «Wir sind alle Benzol-Patienten», sagt Yi Yeting an einer Versammlung von Benzol-Opfern, die sich gemeinsam für ein Benzol-Verbot engagieren.

 

Zur Homepage des Films »

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